Timon Siniosoglou, 10c

https://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/akw-isar-2-101~_v-original.jpg (Isar 2)

Wer auch nur hin und wieder die Nachrichten sieht oder die Zeitung aufschlägt, hat es sicher bereits mitgekriegt. Am 15. April 2023 wurden Deutschlands letzte drei Atomkraftwerke (Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2) abgeschaltet. Bis dahin war es ein steiniger Weg, es wurden viele Hürden gemeistert und auch wenn manche Regierungen es scheinbar für nötig hielten, diese Hürden vor unserer Nase neu aufzubauen, haben wir es jetzt endlich geschafft. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) brüstet sich auf seiner Website mit einem „geordneten Ende der Hochrisikotechnologie in Deutschland“. Wie geordnet dieser wirklich war, werde ich hier in einer kurzen Chronologie des deutschen Atomausstiegs darlegen.

Die Entscheidung des Deutschen Bundestags vom 30. Juni 2011 für den Ausstieg aus der Atomenergie ebnete den Weg für ein geordnetes Ende der Hochrisikotechnologie in Deutschland. 

https://www.base.bund.de/DE/themen/kt/ausstieg-atomkraft/ausstieg_node.html (Abgerufen am 20. April 2023)

Die ersten Reaktoren

Im Dezember 1938 stellt Otto Hahn (1879 – 1968) am Kaiser-Wilhelm-Institut bei einem Experiment mit Uran überrascht fest, dass die Bestrahlung schwerer Uran-Isotope zu einem „Zerplatzen“ des Atomkerns führt und so Isotope leichterer Elemente entstehen. Diese Theorie formulierte bereits die deutsche Chemikerin Ida Noddack (1896-1978). Sie war allerdings sehr damit beschäftigt, das Element Rhenium zu entdecken, also überprüfte weder sie noch einer ihrer Kollegen die These. Hätte sich jemand die Mühe gemacht, diese bereits 1934 postulierte, für damalige wissenschaftliche Verhältnisse kontroverse Behauptung zu überprüfen, wäre die Kernspaltung erheblich früher entdeckt worden. Auch wenn Noddack nur fälschlicherweise als eine Unterstützerin des Nazi-Regimes gilt, hätte diese frühere Entdeckung einen erheblichen Einfluss auf die Geschichte gehabt. Man stelle sich vor, Nazi-Deutschland hätte diesen Paradigmenwechsel für sich genutzt und die erste Atombombe entwickelt. Otto Hahn hingegen äußerte sich in den Briefen an seinen Mentor Ernest Rutherford (1871-1937) immer wieder kritisch der NSDAP gegenüber und veröffentlichte seine Ergebnisse nach einer theoretischen Bestätigung durch seine frühere Kollegin Lise Meitner (1878-1968) in der den Nazis gegenüber kritischen Zeitschrift Die Naturwissenschaften. Wenig später entdeckte der italienische Physiker Enrico Fermi das Potential dieser Erkenntnis und leitete drei Jahre darauf im Zuge des Manhattan-Projekts den Bau des CP-1 (kurz für Chicago-Pile 1) unter einem ehemaligen Sportstadion. Das Ziel von CP-1 war es, sicherzustellen, dass eine kontrollierte nukleare Kettenreaktion möglich ist. Dieser erste Reaktor war bereits mit rudimentären Sicherheitsmaßnahmen ausgestattet, wie zum Beispiel einem Regelelement, das beim Fallen in den Reaktor diesen wieder unterkritisch, also inaktiv gemacht hätte. Dieses Reglement hing an einem Seil über dem Reaktor, das in einer Gefahrensituation von einem Mann mit Axt durchtrennt worden wäre. Die Sicherheitsvorkehrungen in modernen Kraftwerken sind glücklicherweise etwas ausgefeilter, aber das Prinzip ist sehr ähnlich und der Begriff zur Abschaltung eines Atomkraftwerks, der sogenannte scram (aus dem Englischen ‚fliehen‘), ist derselbe und geht angeblich auf das Akronym Safety Cut Rope Axe Man zurück. Fermis Experimente haben Erfolg und führen zur Zerstörung der Stadt Hiroshima und dem Tod von über 10.000 Menschen.

https://pbs.twimg.com/media/D7GrAT6XoAARn_S.jpg (Fermi’s Versuchsaufbau)

Der Reaktor funktionierte einwandfrei, wenn man von dem Fakt absah, dass niemand der Zuschauer oder Wissenschaftler einen Strahlenschutz trug und vier der geladenen Gäste zur Erstdemonstration des CP-1 an den Folgen einer Strahlenvergiftung starben

Den ersten Strom gewann Fermi in Zusammenarbeit mit Walter Zinn durch das vierte Modell des Chicago-Piles (CP-4), das später in EBR-1 (Experimental Breed Reactor-1) umbenannt wurde. Der Durchbruch gelang den Wissenschaftlern am 20. Dezember 1951, an dem genügend Strom für vier Glühbirnen freigesetzt werden konnte. Noch im selben Monat reichte die Energie für kleine wissenschaftliche Arbeiten (vermutlich das Aufbrühen von Kaffee, kein Scherz) und im nächsten Jahr wurde der erste Brutreaktor errichtet: Das heißt, seine Leistung reichte, um Strom zu erzeugen und neues spaltbares Material, also schwere Uran-Isotope, herzustellen.

Deutschlands erste Kraftwerke

Nach dem Erlangen der Souveränität 1955 richtete die deutsche Regierung unter Konrad Adenauer das Bundesministerium für Atomfragen ein und beauftragte es mit der Erforschung und Nutzung „pazifistischer Atomkraft“. Am 31. Oktober 1957 wurde dann das erste Kraftwerk durch die TU München in Betrieb genommen. Es erhielt aufgrund seines Aussehens den scherzhaften Namen Atom-Ei (offiziell Forschungsreaktor München – I oder kurz FRM-I) und sein einziger Zweck war, wie der Name subtil verrät, die Forschung. Obwohl es in den 80er Jahren Vorschläge zu einem Umbau gab, der die Leistungsfähigkeit signifikant erhöht und somit einen Anschluss ans Stromnetz ermöglicht hätte, sah man schließlich auf Empfehlung des Wissenschaftsrats davon ab und beschloss den Neubau. Das neue Kraftwerk FRM-II wurde am 2. März 2004 erstmals angefahren (ja, das ist der offizielle Ausdruck für die Inbetriebnahme eines Atomkraftwerks) und seit dem Abschalten des FRM-I am 28. Juli 2000 wird dieses zurück gerüstet. Beide Kraftwerke stehen zudem unter Denkmalschutz, was sie mitunter ihren architektonischen Eigenheiten zu verdanken haben. Am 1. Januar 1960 tritt das Atomgesetz (AtG) in Kraft und ebnet so den Weg zum Bau von Atomkraftwerken, die regelmäßig überprüft und gewartet werden müssen. Erst sieben Monate später, am 1. September, wird das Strahlenschutzgesetz für geltend erklärt, und das auch nur nach mehreren Demonstrationen und Anti-Atomkraft-Kundgebungen, die ihren Höhepunkt beim Baubeginn des KNK-1 in Karlsruhe haben. Unter den Demonstranten befinden sich viele Studenten, aber auch Wissenschaftler riskieren ihre akademische Reputation, um ihrem Groll gegen den leichtfertigen Umgang der Regierung mit der neuen Energieform Luft zu machen. Seit 1993 laufen nun schon die Rückbauarbeiten, welche die Staatskasse 309 Millionen Euro gekostet haben (fast sechs Mal soviel wie der ursprüngliche Bau). 1962 wird auch das erste bayerische Atomkraftwerk in Betrieb genommen und RWE macht es zum ersten voll-kommerziell genutzten Reaktor in Deutschland. Mit einer Leistung von 15 Megawatt kann das Kraftwerk dreitausend Haushalte in Unterfranken rund um die Uhr mit Strom versorgen. Wegen Wartungsschäden muss der Reaktor 1985 vom Netz genommen werden. Ein Jahr später wird eine Schockwelle durch die Weltbevölkerung gehen und immer mehr Menschen werden der Bewegung beitreten, die seit Erstausbau der Kraftwerke schon gegen die neue Energieform demonstriert hat.

Tschernobyl

Am 26. April 1986 kam es im Atomkraftwerk von Tschernobyl zum bis heute schwersten Unfall in der zivilen Nutzung der Atomenergie. Die Klassifikation auf der internationalen Meldeskala (INES): eine sieben, ein katastrophaler Unfall. Während einer planmäßigen Abschaltung zur Überprüfung der Sicherheit versagt die Wasserkühlung und die Kernschmelze tritt ein. Ein weiterer Grund für die Katastrophe war, dass aktiv Sicherheitsregeln ignoriert und Arbeiter nicht genügend im Umgang mit dem Kraftwerk geschult wurden. Mit einer gewaltigen Explosion fliegt nun also der gesamte Reaktor in die Luft, 60 Menschen sterben durch ein unmittelbares Trauma, die Toten in Folge der sich in der Atmosphäre über die ganze Nordhalbkugel ausbreitenden radioaktiven Stoffe sind ungezählt. Schätzungen gehen weit über die Millionengrenze. Besonders betroffen ist der Süden Deutschlands.

https://www.base.bund.de/SharedDocs/Bilder/BASE/DE/kt/unfaelle/tschernobyl-bodenkontamination-deutschland.jpg;jsessionid=E195646A04BE9820525054E0F8F91068.internet962?__blob=wide&v=4 (Besonders der Süden Deutschlands war von der Katastrophe in Tschernobyl betroffen)

Besonders die widersprüchliche Berichterstattung durch die Regierung der BRD sorgte für Groll und Unverständnis in der Bevölkerung. Dennoch wurden in der Bundesrepublik keine konkreten Schritte zum Abbau der Atomkraft eingeleitet, eher das Gegenteil war der Fall. Im Jahr 1993 errichtete Deutschland zwei weitere Atomkraftwerke und nahm sie in Betrieb. Die DDR hingegen verlor ganz das Vertrauen in die Atomkraft, was auch der Grund dafür ist, dass von den insgesamt 35 in der Geschichte Deutschlands errichteten Kraftwerken nur sechs in den neuen Bundesländern zu finden sind und Thüringen, mit Ausnahme von Hamburg und Berlin, das einzige Bundesland ganz ohne Kernkraftwerk blieb. Obwohl die Unfallursachen in Tschernobyl nicht auf deutsche Kernkraftwerke übertragbar waren, beschlossen sowohl die BRD als auch die DDR strengere und regelmäßigere Kontrollen ihrer Nuklearreaktoren. 1994 wird das internationale Abkommen über nukleare Sicherheit unterzeichnet und die Kontrollen werden nicht mehr von den Staaten alleine durchgeführt, sondern auch von einer übernationalen Behörde, der IAEA (Internationale Atomenergie-Organisation). In der BRD folgt schließlich von 2000 bis 2002 nach langen gesellschaftlichen Debatten und kontroversen Demonstrationen ein zögerlicher und ineffizienter, aber durch die Situation bedingter Atomausstieg, aaaber …

Der Ausstieg vom Ausstieg

Im Jahr 2010 fand eine Neuevaluierung des „überstürzten, viel zu strengen und nicht zeitgemäßen Aus für Atomenergie“ statt, in der Atomenergie zwar immer noch als gefährlich eingestuft wurde, jedoch als wichtige „Brückenenergie“ bis zum Ersatz durch erneuerbare Energien geduldet wurde. Im Zuge dieser Regelung wurden die Laufzeiten um acht beziehungsweise 14 Jahre verlängert. Darauf gab es eine klare Antwort der Protestbewegungen, die der schwarz-gelben Koalition vorwarfen, mit dem Leben aller deutschen BürgerInnen zu spielen und am Beispiel Italiens, das seinen letzten Meiler 1990 vom Netz nahm, illustrierten, wie ein vernünftiger Ausstieg auszusehen hatte. Mit der Laufzeitveränderung wurden auch neue Brennstäbe für die Atomkraftwerke gekauft und geliefert.

Fukushima

Am 11. März 2011 (knapp ein Jahr später also) erschüttern Nachrichten aus Japan die internationale Politik. Ein Seebeben im Pazifik verursachte einen Tsunami, der große Teile des riesigen Atomkraftkomplexes in Fukushima zerstörte. In drei separaten Reaktorblöcken kommt es zur Kernschmelze und auch dieses Ereignis (neben der Katastrophe von Tschernobyl als einziges) wird von der INES in die Stufe sieben eingeordnet. Zuvor hatte es Kontrollen am Atomkraftwerk gegeben. Das Ergebnis: Die Stromversorgung ist nicht ausreichend geschützt und die Sicherungsvorrichtungen gegen Tsunamis würde „nur“ einer Welle mit 9,3 Metern standhalten. In Japan gibt es viele Erdbeben und dadurch auch viele Tsunamis, die in der Regel zwischen 1 und 15 Meter groß sind, aber sich auch einmal über 85 Meter hoch auftürmen. Das ist zwar im Norden Japans, wo Fukushima steht, nicht so häufig der Fall, aber oft genug, damit eine dauerhafte Sicherung mehr als erforderlich ist. Die Faktoren, die bei Fukushima eine Rolle spielten, waren also schon vorher bekannt. Zu diesem Ergebnis kam 2013 eine Gruppe von Wissenschaftlern, welche die zuvor aufgetretenen Probleme in den Reaktoren 1 und 3 sowie in den Abklingbecken genauer unter die Lupe nahm. „Schon im Jahr 2009 war Fukushima eine hochgefährdete Einrichtung und es stand bereits damals kurzzeitig im Raum, das Kraftwerk abzuschalten“, heißt es in dem rund 200 Seiten langen Bericht. Durch den Tsunami, das Erdbeben und die Katastrophe starben unmittelbar 22.000 Menschen und in Folge der Strahlen-Verseuchung mussten rund 470.000 JapanerInnen evakuiert werden. Noch in 250 Kilometern Entfernung, in Tokyo, war die Belastung zu spüren, wo die Jodbelastung des Trinkwassers den für Kleinkinder gefährlichen Wert zeitweise deutlich überschritt. Auch in Deutschland und auf der ganzen Welt erhöhte sich die Jod- und Cäsium- Belastung für etwa einen Monat. Nach Fukushima nimmt die deutsche Regierung sofort die sieben ältesten Atomkraftwerke vom Netz und es dauerte insgesamt nur drei Tage, bis neben diesem Beschluss auch die anderen zwei neuen Elemente des sogenannten „Atom-Moratoriums“ vorgestellt werden. Mit dem sogenannten Stresstest wird eine regelmäßige und verpflichtende Sicherheits- und Belastungsprüfung eingeführt, die obligatorisch für alle Atomkraftwerke in Deutschland und weiten Teilen der EU wird. Im August wird das Atomgesetz geändert. Im Zuge dieser Änderungen gingen entweder unmittelbar oder wenig später elf Kraftwerke vom deutschen Stromnetz. Die Laufzeit der verbliebenen Kraftwerke wird radikal gekürzt und in den darauffolgenden Jahren wird immer wieder über noch strengere Maßnahmen wie die Abschaltung dieser Restkraftwerke debattiert.

2023 – Das Ende der Deutschen Atomkraft

Bereits im Jahr 2021 gingen die drei Kraftwerke Grohnde, Grundremmingen C und Brokdorf vom Netz und im April des Jahres 2023 beschließt die Ampel-Koalition, die sich seit 2022 im befristeten Streckbetrieb befindlichen Atomkraftwerke ebenfalls auszuknipsen. Moment mal! Befristeter Streckbetrieb?

2022 beschloss der Bundestag, dass es wegen der Energiekriese zulässig war, die geplanten Ausstiegstermine in diesem Jahr noch ein wenig hinauszuzögern. Das Bestellen neuer Brennelemente war nicht gestattet und die Kontrollen wurden vor allem in diesem letzten Jahr engmaschiger. Dann am 15. April 2023 werden die Kraftwerke Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland abschließend abgeschaltet. Eine Ära geht zu Ende, die zukünftigen Generationen nicht zuletzt ihr Erbe von über 120.000 Kubikmetern schwach- bis mittelradioaktiven Atommüll vermacht, der irgendwo hin muss. Die Frage nach einem geeigneten Endlager ist und bleibt eine der wichtigsten unserer Zeit.

Die verwendeten Informationen stammen vor allem von staatlichen Websites, wie BASE, dem BMUV oder der Bundesregierung.